Warum ich auf der Straße zeichne — Travel and Draw
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Warum ich auf der Straße zeichne — Travel and Draw

24.06.2026
Heiner Radau zeichnet in der Métro-Station Charles de Gaulle Étoile, Paris
Zeichnen in der Métro-Station Charles de Gaulle Étoile, Paris.

Ich sitze auf meinem Campingstuhl, das Zeichenbrett vor mir aufgeklappt, das Papier angeheftet. Ich setze die Feder an. Und dann schaue ich die Stadt an, und die Stadt schaut zurück.

Das klingt vielleicht esoterisch. Aber ich meine das genau so.

Wenn ich in einer fremden Stadt ankomme, habe ich keinen Plan. Keine vorher recherchierte Komposition, keine Fotos als Vorlage, keine Skizze die ich zu Hause ins Reine zeichne. Ich weiß nicht, was am Ende auf dem Papier sein wird. Das ist nicht Naivität — das ist Prinzip.

Denn sobald du anfängst zu planen, übernimmt dein Kopf. Du wirst rational. Du entscheidest vorher, was wichtig ist. Aber die Stadt hat ihre eigene Meinung. Sie führt dich, wenn du sie lässt. Sie lenkt deinen Blick, schickt dich in Straßen die du nie gefunden hättest, zeigt dir Ecken die in keinem Reiseführer stehen.

Für mich ist das ein Kennenlernen zwischen zwei Wesen: mir, dem kleinen Heiner, und der großen Stadt. Ich kann sie nicht kontrollieren, ich kann nur hinschauen und zeichnen, was sie mir zeigt. Schritt für Schritt. Strich für Strich.

Das ist der Unterschied zum Atelier. Zu Hause ist alles kontrolliert: Licht, Temperatur, Zeit. Du kannst pausieren, korrigieren, neu anfangen. Auf der Straße hast du nichts davon — und genau deshalb sind die Zeichnungen anders. Lebendiger. Echter. Unperfekt auf eine Weise die man nicht faken kann.


Angefangen hat das 2015, mitten im Studium. Ich hatte gerade ein Projekt hinter mir, in das ich wahnsinnig viel Energie gesteckt hatte — eine Seidentuch-Kollektion, siebenfarbig bedruckt. Es funktionierte nicht so wie ich wollte. Die Tücher waren aufwändig, teuer, kompliziert.

Also habe ich umgedacht. Ich komme aus dem Graffiti, ich wollte schon immer raus in die Öffentlichkeit. Nicht im stillen Atelier sitzen, sondern mit meiner Kunst zu den Leuten gehen. Die Straße war die logische Antwort.

Noch ein Grund, über den ich selten spreche: Ich bin Ein-Mann-Unternehmen. Alles mache ich alleine — und das ist manchmal echt einsam. Auf der Straße bin ich unter Menschen. Leute bleiben stehen, schauen zu, sprechen mich an. Das ist mein Ausweg aus der Isolation. Die Straße ist gleichzeitig mein Atelier, mein Netzwerk und mein Vertrieb.

»Raus aus dem stillen Atelier, hin zu den Leuten. Die Straße ist mein Atelier, mein Netzwerk und mein Vertrieb — alles in einem.«
Heiner Radau zeichnet auf der Straße in Brüssel, Passanten schauen zu
Zeichnen auf der Straße in Brüssel — die Stadt als Atelier.

Seitdem sind zehn Jahre und fünfzehn Städte vergangen. London, Paris, Hanoi, Seoul, Basel, Brüssel, Valencia, New York — jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Energie. Und jede hat mir etwas anderes beigebracht. Was als Experiment begann, ist zu meiner Arbeitsweise geworden.


In den nächsten Wochen erzähle ich hier mehr: Wie ich vom Graffiti zum Städtezeichnen kam. Warum ich nur mit Feder und Tinte in Schwarz-Weiß arbeite. Mit welchen Werkzeugen ich unterwegs bin. Und von den Menschen, die mir auf der Straße begegnen — den großen und den kleinen Momenten.

Das Atelier ist sicher. Aber die Straße ist echt. Und da bleibe ich.

— Heiner

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Take the streets home

Every drawing starts on the sidewalk. The prints live on your wall.

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